Begleitberichte

Nachfolgend finden Sie einige Begleitberichte, die von unseren ehrenamtlichen Sterbebegleitern verfasst wurden.

Nur das Wesentliche bleibt

Wenn ich ihr Zimmer betrete und ihr Profil betrachte – die eingefallenen Augen, die schmal und scharf hervortretende Nase, den kleinen eingefallenen und faltigen Mund, - erscheint sie mir wie eine Tote.

Erst nach einem kurzen Moment, wenn ich vor ihr stehe, sie die Augen öffnet und mich anschaut, dann ist in der Reglosigkeit des Körpers ihre ganze Lebendigkeit in den Augen. Sie sieht mich an, wach und fragend und für Sekunden liegt darin eine tiefe Begegnung. Dann schaut sie weg, legt ihre Stirn in viele Falten, wendet den Blick hierhin und dorthin, um wieder meinen Augenkontakt zu suchen und darin vorübergehend zu verweilen.

Eine zarte Gebrechlichkeit geht von ihr aus. Dier weißen Haare rahmen ihr Gesicht wie ein luftiger Kranz, und ein geblümtes Kopfkissen auf dem sie liegt, lässt in mir ein Bild entstehen, wie sie als junges Mädchen auf einer Sommerblumenwiese liegt.

Ich komme gern zu ihr, trotz ihrer Sprachlosigkeit. Vor einigen Wochen wurde ich gebeten als Mitarbeiterin des Hospizdienstes, sie zu besuchen. Nach einem Krankenhausaufenthalt war sie auf die Pflegestation des Wohnstiftes, in dem sie lebt, verlegt worden und wird hier künstlich ernährt. Das Zimmer ist klein und mit den wesentlichen Dingen bestückt, die für die Pflege nötig sind. Zwei übereck stehende Fenster lassen diesen Raum weit erscheinen. Das Bett mit der alten sterbenden Frau nimmt die Mitte ein und lässt alles Sonstige unwichtig sein.

Man sagte mir, dass eine Nichte wohl die einzige Verwandte sei und die alte Dame in dem komfortablen Wohnstift eher zurückgezogen gelebt habe. Mehr weiß ich nicht. Somit bleibt sie eine Fremde für mich, und unsere Begegnung kann nicht gespeist werden von Vertrauen, das wir miteinander austauschen; nicht von Frage und Antwort oder der Erfüllung von Wünschen.

Alles, was ich sage und tue, geschieht in dem Vertrauen, dass sie meine Nähe zu sich spürt; dass ich ihre leisen Erwiderungen wahrnehme und zu deuten versuche; dass ich mich auf mein Gefühl verlasse, das mir im Moment vielleicht eingibt, etwas zu singen. Wie dankbar ich bin, dass ich singen kann und mag! Immer dann scheinen wir uns besonders nah zu sein. Sie betrachtet mich in tiefer Ruhe, ich spüre ihr Hören und ihr zartes Gesicht wirkt sanft und zufrieden. 

Die Stille des nahenden Todes, die uns beide umgibt, hält die „WELT“ draußen. Drinnen, in dem kleinen Raum, bleibt scheinbar alles auf etwas Wesentliches begrenzt. Es tut mir gut, zu erfahren, wie klein und nichtig die täglichen Dinge erscheinen, Im Angesicht dieser letzten großen Erfahrung, die einem sterbenden Menschen bevorsteht.

Schön ist es aber auch, wenn ich nur da bin, ohne Worte, ohne Singen, ihre kleine Hand schwer in der meinen liegt, als würde die ganze zerbrechliche Gestalt der zarten Frau sich mir über diese Hand mitteilen. Das Schweigen ist dann, als hätten wir uns alles Wichtige gesagt.

Wenn ich gehe sehe ich als letztes wieder ihr Profil mit dem Ausdruck einer Toten.

„Es dauert alles viel zu lange!“

Im Januar 2008 kam der erste Besuch bei Frau K. zustande. Bereits einige Zeit vorher hatten die Nachbarn sich mit dem Hospizdienst in Verbindung gesetzt, doch Frau K. wollte den Zeitpunkt der persönlichen Kontaktaufnahme selbst wählen.

Mir öffnete eine ältere Dame (Jahrgang 21) in legerer Kleindung, die mich ins Wohnzimmer bat. Dort berichtete sie mir von ihrer Krebserkrankung  (Magen und Darm), erzählte von der Hoffnungslosigkeit und ihr langes Warten auf ein Ende. Frau K. zeigte das Stützkorsett, welches sie seit einem Sturz vormittags tragen muss. Ich erzählte ein wenig von mir und die 90 Minuten vergingen zu schnell. Unsere Ansichten über Gott und die Welt harmonierten sehr gut, trotzdem wollte sie keinen weiteren Besuchstermin abmachen.

Nach 10 Tagen rief ich an, um mich zu erkundigen: Ihr ginge es gut und zurzeit brauche sie mich nicht. Wir wollten in einer Woche wieder telefonieren.  Doch bereits nach ein paar Tagen erbat sie ein Treffen. Ihr ginge es nicht gut. Am Abend berichtet sie mir von ihrer Übelkeit und ständigem Erbrechen durch Eisentabletten. Das Gespräch wurde durch diese Symptomatik beeinträchtigt, trotzdem erfuhr ich all die Dinge, die sie bereits geregelt hatte: Wer sich nach ihrem Tod um alles kümmert (die Nachbarn, Familie lebt weiter entfernt, keine Kinder) und wer die Trauerrede hält. Als wir vor die Tür traten fielen Schneeflocken und die Glocken läuteten. So verabschiedeten wir uns auf unbestimmte Zeit.

Die nächsten Besuche fanden im Krankenhaus statt. Die Nachbarn hatten mich informiert, dass Frau K. wegen körperlicher Schwäche eingewiesen worden sei. Meine Besuche dort waren meist kurz; ich hatte das Gefühl, Frau K. seien die Besuche unangenehm. So fragte ich sie. Die Antwort kam prompt: Sie sei solch ein Umsorgen nicht gewohnt… Wir einigten uns auf einen weiteren Besuch, da sie auch noch etwas brauchte und eigentlich reden wollte. 

Wenn sie erzählte, fehlte häufig „der rote Faden“, sie wiederholte manches, was ihr wichtig zu sein schien. Immer ging es um die Dinge nach dem Tod, nicht um das Sterben selbst. Sie erzählte in einem Moment von ihrer Trauerfeier, im nächsten von dem Essen, welches ihr nicht bekommt. Sie müsse doch aber essen, um zu Kräften zu kommen.

Auch in den weiteren Gesprächen wieder daheim wechselten die Perspektiven von „danach“ zu den Schwierigkeiten „jetzt“ fließend. Sie wollte ein schnelles Ende, aber wollte Medikamente die helfen und nicht lindern!

Ihre Kraft nahm weiterhin ab, so dass sie sich schließlich bei meinen Besuchen hinlegte. Die Überlegung, in ein Hospiz zu gehen, da die Nachbarin mit der Pflege überfordert war, gewann an Raum. Bei unseren Treffen ging es hauptsächlich um ihre Hoffnungslosigkeit. Nachdem sie nun von Metastasen erfahren hatte, war sie sehr deprimiert. Sie sprach trotz Erbrechens viel und war sehr dankbar fürs Zuhören. Frau K. besuchte noch einmal den Onkologen und kam körperlich erschöpft und resigniert wieder Heim. In der Folgezeit veränderte sie sich zusehends. Sie machte sich auf den Weg. Der Körper baute ab, ihre Gesprächsthemen wechselten zu ihrem verstorbenen Mann, Ostern, ihrem unerfüllten Kinderwunsch, Musik…

Schließlich verweigerte sie das Essen, mochte nicht Fernsehen, redete weniger. Frau K. wollte nicht mehr! Alles quälte sie. Bei den letzten Besuchen massierte ich ihre kalten Hände. Ende März verabschiedete ich mich von ihr zu Hause, kurz bevor sie nach Bardowik verlegt wurde. Dort starb sie nach weiteren acht Wochen.

Eine Begleitung

Sie waren mir beide schon beim ersten Besuch von Anfang an sympathisch. Das hat es für mich sicherlich einfacher gemacht, da ich noch nicht viele Menschen auf dem letzten Weg begleitet hatte. Ich war sozusagen Anfänger – zumindest in diesem wichtigen Bereich des Lebens. Sie waren mir beide auch deswegen so sympathisch, weil sie als Ehepaar eine lange Zeit voller glücklicher Tage aber seit Ausbruch der Krankheit vor einigen Jahren auch voller trauriger Tage durchstanden haben. Mir als im Vergleich zu diesen beiden älteren Menschen noch jüngeren Menschen imponierte dieses, träumen nicht die meisten Menschen davon, gemeinsam mit jemanden in Liebe alt zu werden?

Und so saß ich nun ganz plötzlich in ihrer privaten Wohnung an einem liebevoll gedeckten kleinen Tischchen. Und obwohl wir uns kaum kannten, erzählten sie mir sofort aus ihrem Leben, dass sie viel gereist seien, gerade nach dem Ende des Ostblocks – abenteuerliche Zeiten seien das gewesen. So durfte ich ein wenig Teil haben an ihrer gemeinsamen Geschichte.

Während der Ehemann aufgrund seiner Krankheit schon länger im Bett lag und dieses nur schwer noch verlassen konnte, war und ist Frau X noch sehr mobil. Meine Besuche stellten somit vielleicht für beide eine Erleichterung dar; sie konnte wichtige Besorgungen machen und ihr Mann hatte Gesellschaft. Bei so viel Nähe angesichts der Krankheit war ein Augenblick der Distanz sicherlich für beide wohltuend. Am Anfang – ich war ja Anfänger – durchschaute ich nicht, obwohl wir ja eigentlich sehr gut geschult worden waren, dass das Sterben manchmal als langsamer Prozess erscheint und dann doch plötzlich sehr schnell gehen kann. Bei den ersten Treffen wirkte Herr X noch sehr kräftig, wir konnten sehr intensive Gespräche über seine Kindheit und sein Leben führen. Daher ließ ich mir Zeit über das Ende des Weges Fragen zu stellen, auch weil es doch nicht meine Entscheidung war, dieses Thema anzusprechen? Herr X wollte sich keine Blöße geben, das spürte ich, er wollte Stärke zeigen und mich als Besuch wohl nicht belasten. Einmal jedoch, da überkamen ihn die Tränen und ganz sanft sprachen wir dann doch über das Ende und die Fragen nach Angst, Hoffnung und Furcht. Ich sagte ihm, dass er vor mir sich immer ehrlich zeigen dürfte, keine Angst haben bräuchte, dass mich das belastete. Ganz vorsichtig sprach ich auch davon, dass ich glaube, dass wir eigentlich vor nichts Angst zu haben bräuchten.

Ich meinte das ganz ehrlich, es war keine wohltuend gemeinte Schauspielerei und doch empfand ich es als ein wenig anmaßend, da ich mich doch nicht in seine Lage versetzen konnte.

Hatte ich das Recht davon zu sprechen, wir müssten keine Angst haben? Andererseits, was sprach dagegen, seine Überzeugungen offen und ehrlich mitzuteilen; auch in einem jüngeren Leben kann so einiges passieren. Beim nächsten Besuch, so nahm ich mir fest vor, wäre doch Zeit, dieses in Ruhe noch einmal aufzugreifen, wenn Herr X es wollte. Ich wollte nichts überstürzen, Herrn X nicht drängen. Entscheidend war, was ihm gut tat.

Bei meinem nächsten Besuch ging es ihm aber schon deutlich schlechter. Herr X konnte kaum noch sprechen. Ich war überrascht, wie schnell sich der Zustand nach wenigen Besuchen verändert hatte. Für tiefgehende Gespräche, gerade für das, war ich mir vorgenommen hatte, schien  es zu spät. Ich beschränkte mich auf Vorlesen und einfach das da sein. Als großen Erfolg empfand ich es, als Herr X noch einmal etwas getrunken hatte. Seine Frau machte sich große Sorgen, dass ihr Mann nicht genug trinke. Ich teilte diese Sorge, konnte aber nur neben ihrem Mann sitzen, während sie ein wenig Zeit für sich hatte und versuchen, ihn aufzumuntern und freute mich sehr, als ich ihm ein wenig zu trinken gab. Fast schien es, als habe er mir an diesem Tag mehr geholfen als ich ihm. Sowieso war es erstaunlich, wie sehr der sonst so wichtige Alltag, immerhin habe ich einen wichtigen Beruf mit Verantwortung und ein eigenes Leben fernab der Begleitungen, wie schnell dieser Alltag in die Ferne rückte. „Entschleunigung“ wird das wohl genannt, im hier und jetzt leben. Herr X starb für mich sehr plötzlich, obwohl ich es schon langsam ahnte, ein wenig Erfahrungen hatte ich gesammelt.

Wenn ich heute auf dem Fahrrad an der Straße vorbeifahre, in der er gewohnt hat, dann erinnere ich mich sofort an ihn. Dann bin ich wieder da. Loslassen fällt mir nicht leicht und seit einer sehr langen Wanderung, auf der ich viele Menschen aus aller Welt getroffen und schätzen gelernt habe, von denen ich wusste, dass ich sie vermutlich niemals wieder sehen werde, habe ich mir angewöhnt, die Menschen einfach in Gedanken mitzunehmen. Und so habe ich Herrn X einfach auch mitgenommen. Vieles habe ich durch die Besuche bei Herrn und Frau X und sein Sterben über das Leben gelernt und ich hoffe, dass ich durch meine wenigen Besuche ihnen beiden auch ein wenig geben konnte: „Herr X, machen sie es gut, wo immer sie gerade sein mögen.“

Ein ehrenamtlicher Sterbebegleiter

Sterbebegleitung – bis zum letzten Atemzug

Das passiert uns Hospizbegleitern höchst selten, dass wir direkt das Ende des Sterbens, den Tod, am Krankenbett miterleben.

Fünf Monate vorher bekam ich die Begleitung von Frau G. angeboten. Ich besuchte sie zunächst einmal wöchentlich in ihrer Wohnung in Reinbek. Sie wohnte dort allein. Sie bekam ihre Tabletten von einer Krankenschwester zugeteilt und hatte eine Haushaltshilfe von 3 Stunden. Aus dem Krankenhaus war sie entlassen worden mit dem Hinweis, dass man nichts mehr gegen ihren Knochenkrebs tun könne.

Sie erzählte viel aus ihrem Leben, wir machten sehr kleine Spaziergänge, wir tranken Kaffee zusammen. Ende Oktober freute sie sich auf eine Kur in Bad Bevensen, aber sie musste stattdessen ins Hospiz nach Geesthacht. Zuerst hoffte sie noch auf eine Besserung, denn die Betreuung war so gut und liebevoll. Und außerdem war sie schon zweimal während ihrer langjährigen Krankheit im Hospiz gewesen und wieder nach Hause entlassen worden. Die auftretenden Schluckschwierigkeiten machten mich – und wohl auch sie – darauf aufmerksam, dass der Tod nicht mehr fern war.

Zweimal pro Woche fuhr ich nach Geesthacht. Frau G. konnte immer wieder aufstehen, aber der Schwindel im Kopf wurde auch nicht besser, sondern eher schlimmer. Als ich eine lang gebuchte, einwöchige Reise antreten wollte, hatte ich bei der Abschiedsumarmung ein unbestimmtes Gefühl.

Zwei Tage nach meiner Rückkehr fuhr ich am Sonntag nach dem Gottesdienst zum Hospiz. Die Schwestern machten mich sofort darauf aufmerksam, dass es Frau G. sehr schlechte gehe und sie den Tag wohl nicht überleben würde. Ich setzte mich an ihr Bett, in dem sie schweratmend lag. Als ich ihre verschwitzte Hand in meine nahm, spürte ich keinerlei Gegendruck. Die Augen waren bis auf kleine Schlitze geschlossen.

Ich sagte ein paar Worte zu ihr. Dann schwieg ich wieder und lauschte ihrem mühsamen Atem. Ich habe auch zweimal Adventslieder gesummt, weiß aber nicht, ob sie es gehört hat. Nach einer halben Stunde – nach einem kleinen Husten – wurde der Atem langsamer und flacher, immer weniger, bis er ganz aufhörte. Frau G. war gestorben, sie hatte einfach aufgehört zu atmen.